Weihnachten 2016

Liebe Freunde!
Es gibt so viele Möglichkeiten, wie man auf das Geheimnis von Weihnachten zugehen kann.
Vor 33 Jahren hatte ich das Glück, das Heilige Land zum ersten Mal zu besuchen, darunter Bethlehem mit der Geburtskirche. Ein monumentaler Vorplatz und ein riesiges Komplex von Kirchen und Kapellen über die Geburtsstätte des Herrn. Aber es gibt kein Portal, durch das der Besucher in die Kirche eintreten könnte, vielmehr eine verschlossene Wand, die in der byzantinischen Zeit einmal ein Portal hatte. Dieses Portal aber wurde zunächst durch die Kreuzfahrer auf eine halbe Größe zugemauert, und am Ende ließ man in den Türkenzeit nur noch 1,30 m hohen Durchschlupf, den der Besucher gebückt passiert. Der Grund war angeblich, dass es immer wieder vorkam, dass Besucher hoch zu Ross die Kirche betraten, und man diesem Hochmut ein Ende setzen wollte. Jedenfalls muss sich jeder Besucher bücken, um die heilige Stätte der Geburt Christi besuchen zu können. Dies hat einen tiefen Sinn, dass der Mensch sich klein machen muss, wenn er auf das Geheiminis dieser Geburt zugeht.
Man kann ganz von außen nach innen gehen, vom Schenken und Beschenkt werden am hl. Abend zum eigentlichen Geschenk, dass alle anderen Geschenke erst sinnvoll macht; Gott schenkt uns seinen Sohn. Man kann mit dem Staunen anfangen und Gott fragen: Warum bist du gekommen? Man kann auf das Kind schauen und den großen Gott fragen: warum machst du dich so klein, warum kommst du als Kind?
Diese Tage fiel mir ein anderer Zugang zum Geheimnis dieses Feste auf: ganz einfach und ganz alltäglich und ganz nach der Botschaft dieses Tages.
Ich bin in diesen Tagen vor Weihnachten, wie alle, von einer Tätigkeit zur anderen unterwegs gewesen, den Kopf voll von Dingen, die auch noch getan werden mussten. Da dachte ich, dass vielleicht auch dies ein Gleichnis ist. Dieses viele Unterwegssein vor dem Fest. Und wo ich Menschen traf: auf der Straße, in Geschäften, da grüßte man sich, eilig aber meistens herzlich und oft mit einem Lächeln: Aha, auch unterwegs! Die wenigstens übrigens für sich selber. Vor keinem Fest sind so viele Menschen unterwegs wie vor Weihnachten. Und dann fiel mir ein, wie oft in der Bibel bei den Berichten vor der Geburt des Herrn die Rede ist von den Menschen, die unterwegs sind: Maria macht sich auf den Weg und geht ins Gebirge, eilends – wie ausdrücklich vermerkt wird. Josef und Maria gehen von Nazareth nach Bethlehem. Eilends machen die Hirten sich auf den Weg, das Kind zu suchen. Von fernher kommen die drei Könige, die den neugeborenen König der Juden suchen. Und am Beginn des Weihnachtsevangeliums heißt es einfach: Und alle gingen hin, sich eintragen zu lassen, wie der Kaiser es befohlen hatte. Ein jeglicher in seine Stadt. Und alle gingen hin! Das ganze Weltreich ist auf den Beinen. Und in dieser allgemeinen Bewegung der Menschen kommt Gott. Gott auf den Wegen zu den Menschen: nicht hinter den schmetternden Fanfaren seiner Herolde, nicht auf den „Traustraßen“ dieser Erde. Auf den ganz gewöhnlichen: von Nazareth nach Bethlehem. Wer kennt schon die Wege? Wer geht sie? Er, Immanuel, der Gott mit uns. Und nun werden alle Menschenwege zum Symbol. Alles Unterwegssein der Menschen wird zum Gleichnis, dass Gott unterwegs ist zu uns. Auch unser Laufen und Hasten vor Weihnachten, auch das ist ein Gleichnis. Auch die Wege, die wir gleich nach Weihnachten wieder gehen – alles ein Gleichnis, dass Gott auf dem Weg ist, auf den Wegen meines Lebens, auf den gewöhnlichen, alltäglichen Wegen meines Lebens.
Natürlich feiern wir die Geburt des Herrn in Bethlehem. Aber wir feiern nicht nur, dass Gott einmal kam, sondern, dass er immer kommt. Dass er gerade jetzt kommt. In jenen Tagen – das sind immer auch eben diese Tage. Gott hat sich aufgemacht – zu mir. Wie kann ich ihn erkennen? Wie kann ich das vermeiden, dass in der Herberge meines Herzens kein Platz für ihn ist? Wie kann ich ihn erkennen? Genauso haben Hirten auch gefragt. Und die Sterndeuter vom Osten.
Ihr werdet ein Kindlein finden. So einfach, so natürlich, so unkompliziert konkret.
Ein Bischof hat in einem Weihnachtsbrief von zwei Klopfzeichen gesprochen, an denen wir erkennen, dass wir es mit Gott zu tun haben.
Das eine Klopfzeichen, schreibt der Bischof, ist der Nächste. Der mir eben jetzt begegnet. Der eben jetzt mit mir spricht, der eben jetzt meine Geduld und meine Nerven strapaziert, der jetzt vielleicht mit einem schüchternen Blick ein bisschen Zuneigung sucht: Es ist der Herr. Versuchen wir, ihn im Nächsten zu erkennen.
Ein anderes Klopfzeichen ist der Schmerz, das Dunkle, das Negative. Gott ist nicht der Schmerz, das Dunkle, das Negative. Aber das sind Klopfzeichen. Wo andere Angst haben, in Panik geraten, da darf der Glaubende wissen: Es ist der Herr. Wenn wir resignieren oder verzweifeln wollen, sagt er uns ganz persönlich: Fürchte dich nicht, ich bin es!
Ich möchte ein drittes Klopfzeichen hinzufügen: Das Klopfzeichen der Freude. Nicht nur das Dunkle ist ein Zeichen, das Helle auch, das Positive ist ein Zeichen. Wir sind das so wenig gewohnt, Religion und Freude miteinander zu verbinden. Eher Pflicht, Lebensernst, Schicksal. Freude wirkt ein wenig verdächtig. Anders bei Jesus. Ich verkünde euch eine große Freude, das steht über seine Geburt. Als die Hirten ihn finden, sind sie froh. Sie freuen sich, die drei Könige.
„Ich will, dass meine Freude in euch ist“, sagt Jesus als er sein Leben zusammenfasst. Jede Freude ist dafür ein Gleichnis.
Wenn wir uns freuen, spüren wir das Klopfzeichen des Herrn. „Ihr werdet ein Kindlein finden!“ So etwas ganz Einfaches. Der Nächste, der Schmerz, die Freude, so natürlich, so alltäglich. Seine Klopfzeichen sind so leise wie der Schlag meines Herzens. Gott auf dem Weg zu mir. Immanuel, der Gott mit uns. Nicht in der Literatur, sondern in der Wirklichkeit.
Das ist die ganz konkrete Botschaft von Weihnachten für mich. Und das ist eine Botschaft, die mit dem Fest nicht zu Ende ist. Und das Gleichnis dafür, dass Gott unterwegs ist in mein Leben, das sind alle Wege, die ich selber gehe. So wirklich, wie wir unterwegs sind, alltäglich und konkret, so wirklich ist Gott unterwegs – zu uns. Er ist Immanuel, der Gott mit uns, wie in der Lesung und im Evangelium des letzten Adventssonntag heißt.
Ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein segenreiches neues Jahr wünscht dir/Ihnen
P. Simon Orec OFM